Home
Adressen
Chronik
Europe
Mariechenmarkt
Visit Gütersloh
Service
Foto: GPR

KWS History: Stadtgeschichte – »Danke Maria« (Oktober 2015)

Von KWS, Karla-Wagner-Stiftung, KWS History, 10.355 Views

#KWS #History: #Stadtgeschichte – »Danke Maria« (Oktober 2015)

#Gütersloh, Oktober 2025

Und Tschüss? Nein, das wäre nicht Maria Unger, wie wir sie kennen. Bis zum letzten Tag im Amt – dem 20. Oktober 2015 – weist der Bürgermeisterterminkalender keine Lücken auf. Vielleicht abends mal ein wenig Freiraum zum Sichten, Ordnen und Aufräumen – allein der Stadtarchivar hat schon konkrete Wünsche angemeldet zum Nachlass aus 21 Jahren Bürgermeisteramt. Dazu gehört auch eine komplette #Glasvitrine mit Präsenten nationaler und internationaler Delegationen. In Form gegossene Erinnerung an Gespräche, Erfahrungen und Erlebnisse. 

Die Begegnung mit Menschen, das ist »ihr Ding«, die charmante Zugewandtheit zum Gesprächspartner, die auch dann noch #Höflichkeit ausstrahlt, wenn das Gegenüber schon längst zum verbalen #Angriff übergegangen ist. Im politischen Raum hat ihr das zuweilen die Kritik eingebracht, sie moderiere lediglich statt zu entscheiden. Solche Angriffe hätten schon geschmerzt, gibt sie zu. Dagegen hat sie aber immer ihr Programm gesetzt: den größtmöglichen Konsens bei allen wichtigen Entscheidungen für die Stadt. Das sei ihr meistens gelungen, zieht Maria Unger nicht ohne Stolz Bilanz. Und das darf man eindeutig als Erfolg werten in einer Stadt mit einer Vielzahl von Akteuren und Interessensgruppen, in der die Kunst der kritischen Meinungsäußerung mit Hingabe gepflegt wird.

Sie hat sich oft gewünscht, dass die Gütersloher das »Glas halbvoll statt halbleer« sehen, wenn von ihrer Stadt die Rede ist. Und hat – natürlich – sofort nachgesetzt, dies möge sie bitte nicht als Bürgerschelte verstanden wissen. Sondern einfach als Aufforderung, die guten Seiten Güterslohs nach außen zu tragen. Maria Unger ist dafür selbst das beste Vorbild: Wer sie als Rednerin einlädt, bekommt den Gütersloh Werbeblock inklusive, überzeugend und mit einer Herzlichkeit präsentiert, die manch »sturem #Ostwestfalen« nachhaltig die Augen geöffnet haben dürfte für die Schönheiten seiner Stadt, für ihre Lebendigkeit und Internationalität.

Logischerweise hakt Maria Unger hier wieder ein: Das mit dem »stur« sei nun auch wieder so ein Vorurteil. Sie habe schnell und unkompliziert Freunde und Bekannte gefunden, als sie 1977 als 25 Jährige mit ihrem Mann aus Mannheim nach Gütersloh zog. Der typische Weg war vorgezeichnet: Etwa drei Jahre habe das junge Paar in Gütersloh bleiben wollen, als Manfred Unger eine Stelle bei Bertelsmann bekam. Doch dann ist irgendwann eine 2. Heimat draus geworden, es gab – eine Erfahrung, die viele machen – keinen Grund mehr wegzugehen. Ein Haus wurde gebaut, 2 #Kinder geboren. Die ausgebildete Angestellte der Deutschen Bahn, Maria Unger, machte die Buchhaltung für ihren Mann, der sich inzwischen selbstständig gemacht hatte. Erstes basispolitisches Bürgerengagement zeigte sie, als sie in ihrem Spexarder Wohnviertel für den Bau einer Fußgängerampel einsetzte. Da war sie bereits SPD Mitglied – seit 1982 – und Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen. Von hier führte ihr Weg weiter mitten in die Lokalpolitik, zunächst als sachkundige Bürgerin, ab 1991 in den Rat und ab 1994 dann ins Bürgermeisteramt.

Zum Lebensplan gehörte das nicht, und so gibt es auch heute noch Bilder von diesem Wahlabend, aus denen allgemeine Überraschung spricht – im wesentlichen im Gesicht der Mitbewerber. Maria Unger hingegen strahlt in die Kamera, und arbeitet sich umgehend mit Fleiß und Zähigkeit durch die Gemeindeordnung wie sie als erste Repräsentantin ihre Stadt bei Veranstaltungen und anderen offiziellen Anlässen vertritt. »Meine Herren und Damen« als Beginn einer Rede wird fortan zum Markenzeichen wie auch das rote Kostüm, auch wenn es nur ein Element einer gut sortierten Garderobe darstellt. Rot ist ihre Farbe, auch wenn ihr am 12. September 1999 offensichtlich nicht nur SPD Wähler die Stimme geben. Mit 54,92 Prozent zieht sie seinerzeit als hauptamtliche Bürgermeisterin ins Rathaus ein und wird Chefin einer Verwaltung mit rund 2.000 Mitarbeitern. Seither wurde sie zweimal wieder gewählt. Und von ihr selbst stammt der Spruch, wenn Schulkinder ihr beim Weg zum Mittagsimbiss »Hallo, Frau Unger« hinterherrufen: »Die kennen ja keinen anderen Bürgermeister«.

Macht ja auch nichts, denn die Bilanz der vergangenen 21 Jahre für die Stadt kann sich durchaus sehen lassen: komplette Neugestaltung der #Innenstadt, ein neues #Theater, Ausbau und Umbau der Kitalandschaft und Schullandschaft inklusive Ganztagsbetreuung, Aufbau einer Fachhochschule, Ansiedlung eines Möbelhauses und damit umgehende Neunutzung eines ehemaligen Industriegeländes, die Einleitung und Gestaltung des Konversionsprozesses nach Ankündigung des Abzugs der Briten, aber auch frühzeitige Maßnahmen zur Haushaltskonsolidierung und zur Neustrukturierung der Verwaltung stehen auf dem Positiv Konto ihrer Amtszeit. Unger wäre nicht Unger, würde sie diese Beispiele nicht sofort um den Satz ergänzen, daran hätten schließlich viele mitgewirkt. In der Rückschau darf ihr aber doch bescheinigt werden, dass die einzelnen Kapitel des »Leitbilds 2010«, das die Stadtgesellschaft in einem umfassenden Bürgerbeteiligungsprozess zum Stadtjubiläum im Jahr 2000 unter Maria Ungers Ägide formuliert und für das sie sich sehr eingesetzt hat, mit einem Häkchen für »umgesetzt« versehen werden können.

Alles also »gar nicht so schlecht«, wie der berühmte Gütersloher Superlativ es bezeichnen würde. Und stimmig bis zum »selbstgewählten Abschied«, der ihr – wie sie zugibt – nicht leicht fällt. Zuhause ankommen ist erstmal angesagt, Termine selbst machen statt abzuarbeiten, vernachlässigte Freizeit nachholen, Familie und Freunde in den Mittelpunkt eines Wochenendes stellen. All das war ein Preis der vergangenen 21 Jahre und doch wünscht sie ihrem Nachfolger, »dass er jeden Tag so freudig und motiviert ins Rathaus geht, wie ich das getan habe«. Vielleicht war genau das ihr Erfolgsgeheimnis: dass man ihr diese Freude an der Arbeit immer ansah. Danke, Maria.