Von KWS, Kunst und Kultur, Glosse, 4.196 Views
Da steht's doch. Tik auf Tok!
#Gütersloh, 6. Juni 2026
Es gab einmal eine Zeit, da endeten Diskussionen mit einem unschlagbaren Argument: »Da steht's doch schwarz auf weiß!«
Damit war die #Sache im Grunde erledigt. Irgendjemand hatte etwas recherchiert, aufgeschrieben, gesetzt, gedruckt und verteilt. Das war nicht zwangsläufig die Wahrheit. Aber immerhin hatte sich jemand die Mühe gemacht, ganze Sätze zu formulieren.
Heute leben wir in einer fortschrittlicheren Epoche. Heute lautet das Totschlagargument: »Da steht's doch. #Tik auf #Tok!« Die #Quelle ist nicht mehr die #Zeitung, sondern ein 14 sekündiges #Video, das zwischen einem tanzenden #Dackel und einem #Lifehack zum #Entkalken von #Wasserkochern erscheint.
Früher fragte man: »Woher hast du diese Information?« Heute lautet die Antwort: »Hab ich bei ›#TikTok‹ gesehen.« Das genügt offenbar. Manchmal genügt sogar weniger. Man hat es nicht selbst gesehen, sondern jemand hat es bei »TikTok« gesehen und dann auf Instagram weiterverbreitet, wo es von #Facebook übernommen und anschließend als »#WhatsApp« Nachricht an die gesamte Verwandtschaft verschickt wurde.
Die Herkunft der Information ist dabei ungefähr so nachvollziehbar wie die Lieferkette eines #Überraschungseis. Besonders beeindruckend ist die neue Form der Beweisführung. Früher musste man wenigstens eine Zeitung aufschlagen, einen Artikel lesen und gelegentlich sogar mehrere Absätze überstehen. Heute genügt ein Video mit dramatischer Musik, roten Pfeilen, drei Ausrufezeichen und einem Mann, der aufgeregt in die Kamera zeigt.
Je aufgeregter gezeigt wird, desto wahrer wirkt die Sache. #Wissenschaftler verbringen Jahre mit Forschung, Datenerhebung und Überprüfung ihrer Ergebnisse. Ein »#Influencer« benötigt dagegen nur einen #Ringlichtständer und den Satz: »Was euch die da oben verschweigen wollen ...«
10 Millionen Aufrufe später ist die Debatte beendet. Der eigentliche Fortschritt liegt jedoch woanders. Früher konnte man sich wenigstens noch darüber streiten, welche Zeitung recht hatte. Heute glaubt jeder genau dem Algorithmus, der ihm ohnehin schon zeigt, was er glauben möchte. Das spart Zeit und verhindert unnötige Überraschungen.
Vielleicht werden Historiker eines Tages schreiben: Im 20. Jahrhundert glaubten die Menschen etwas, weil es gedruckt wurde. Im 21. Jahrhundert glaubten sie etwas, weil es zwischen 2 Tanzvideos auftauchte. Und vermutlich wird darunter ein Quellenverweis stehen: »›TikTok‹, circa 2026.«
#NOW #KWS #ROSA #OWL #GT #GGC #GOGREENCHALLENGE #VISITGÜTERSLOH #VISITGT #NIEWIEDERISTJETZT
